ETH Hönggerberg, Werner, fotografiert am Montag (13.11.2017) Bild: Christoph Kaminski, kellenbergerkaminski

Epidemiologische Lagebeurteilung, 15. März 2021

Allgemeine Situation

In der Schweiz zirkulieren verschiedene Stämme von SARS-CoV-2. Die allgemeinen epidemiologischen Parameter – Fallzahlen, Hospitalisationen und Todesfälle – geben eine Gesamtsicht, ohne zwischen einzelnen Stämmen zu unterscheiden.

Dynamik

Basierend auf den aktuellen Daten schätzen wir ein exponentielles Wachstum der SARS-CoV-2 Epidemie. Der 7-Tageschnitt der schweizweiten Reproduktionszahl ist bei 1.12 (95% Unsicherheitsinterval: 0.99 – 1.25); dies reflektiert das Infektionsgeschehen vom 27.02.-05.03.2021. Diese Dynamik kann in 5 von 7 Grossregionen der Schweiz beobachtet werden (d.h. Punktschätzer deutlich über 1; Unsicherheitsinterval vollständig über 1 oder enthält 1 knapp). Lediglich die Genferseeregion und das Mittelland rapportieren nach wie vor stabile Fallzahlen 1.

Tagesbasierte Schätzungen der effektiven Reproduktionszahl Re für die Schweiz betragen2:

  • 1,13 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 1-1,26) aufgrund der bestätigten Fälle, per 05.03.2021.
  • 0,98 (95% UI: 0,81-1,17) aufgrund der Hospitalisationen, per 28.02.2021. Zum Vergleich aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für denselben Tag auf 1,1 (95% UI: 0,97-1,22) geschätzt.
  • 1,11 (95% UI: 0,69-1,63) aufgrund der Todesfälle, per 21.02.2021. Zum Vergleich aufgrund der Hospitalisationen wird Re für denselben Tag auf 1 (95% UI: 0,82-1,19) geschätzt. Aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für denselben Tag auf 1,06 (95% UI: 0,94-1,17) geschätzt.

Wegen Meldeverzögerungen und Fluktuationen in den Daten könnten die Schätzwerte nachkorrigiert werden. Wir weisen darauf hin dass die Re Werte das Infektionsgeschehen vor mind. 10 Tagen (für Fallzahlen) bis 23 Tage (für Todesfälle) widerspiegelt aufgrund der Verzögerung von Infektion und Eintreten eines Ereignisses.

Durch fortschreitende Impfungen der Risikogruppen erwarten wir, dass in den nächsten Wochen die Reproduktionszahl basierend auf Hospitalisierungen und Todesfällen die Transmissionsdynamik nicht mehr zuverlässig wiedergegeben wird. Eine Veränderung dieser Zahlen stratifiziert nach Alter kann auf unserem Dashboard verfolgt werden 3. Seit Wochen sehen wir eine verlangsamte Dynamik in der Altersgruppe über 80 bei den Fallzahlen und erkennen seit einigen Tagen auch eine verlangsamte Dynamik in dieser Altersgruppe bei den Hospitalisierungen im Vergleich zu den jüngeren Altersgruppen. Die Veränderung der absoluten Zahlen kann auf link abgerufen werden.

Parallel bestimmen wir die Verdopplungs- bzw. Halbwertszeiten der bestätigten Fälle, Hospitalisationen und Todesfälle über die letzten 14 Tage4. Die bestätigten Fälle änderten sich um +6% (UI: 19% bis -6%) pro Woche, die Hospitalisationen um +/-0% (UI: 16% bis -14%) und die Todesfälle um +5% (UI: 45% bis -25%). Diese Werte spiegeln das Infektionsgeschehen vor mehreren Wochen wider.

Absolute Zahlen

Die kumulierte Anzahl der bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage liegt bei 186 pro 100’000 Einwohner. Die Positivität liegt bei 4,3% (Stand 12.03.2021, das ist der letzte Tag für welchen nur noch wenige Nachmeldungen erwartet werden). Die Anzahl der COVID-19-Patienten auf Intensivstationen lag über die letzten 14 Tage im Bereich von 161-1875 Personen (die Änderung war -4% (UI: 3% bis -10%) pro Woche). Die Zahl der täglichen laborbestätigten Todesfälle über die letzten 14 Tage war zwischen 5 und 116. Seit dem 1. Oktober 2020 weist das Bundesamt für Gesundheit 7’609 laborbestätigte Todesfälle aus7. Die Kantone meldeten in dieser Zeit 8’182 Todesfälle8. Die Sterblichkeitsstatistik vom Bundesamt für Statistik zeigt zwischen Kalenderwoche 43 im Jahr 2020 und Kalenderwoche 3 im Jahr 2021 eine Übersterblichkeit in der Altersgruppe 65 Jahre und älter9. Insgesamt sind rund 8’400 zusätzliche Todesfälle in diesem Zeitraum im Vergleich zu Vorjahren verzeichnet.

Neue Varianten

In der Schweiz sind die ursprünglich in Grossbritannien und Südafrika beschriebenen Varianten B.1.1.7 und B.1.351 erstmals in Kalenderwoche 51 des Jahres 2020 identifiziert worden. Die ursprünglich in Brasilien beschriebene P.1 Variante wurde erstmals in Kalenderwoche 6 des Jahres 2021 in der Schweiz identifiziert. Untersuchungen in Grossbritannien wiesen Ende 2020 darauf hin, dass B.1.1.7 eine deutlich höhere Übertragungsrate (ca. 40-80%) hat als die bislang bekannten Stämme von SARS-CoV-210. Die genetische Charakterisierung von Zufallsstichproben aus positiv getesteten Menschen von Testlabors der Schweiz, sowie die systematische genetische Charakterisierung von Proben im Referenzlabor in Genf, zeigt diese erhöhte Übertragungsrate auch basierend auf Schweizer Daten11,12 (49-65% basierend auf link und 42-60% basierend auf link).

Der Anteil von B.1.1.7 an allen Infektionen nahm seit dem ersten Nachweis kontinuierlich zu. Wir erwarten, dass mind. 9 von 10 Infektionen, welche heute erfolgen, durch B117 verursacht sind (13,14; auf diesen Websites wird die Dynamik der bestätigten Fälle abgebildet; neue Infektionen vom 16.3. werden Ende März bestätigt, zu welchem Zeitpunkt die Kurven bei über 90% liegen). Die Genfersee-Region ist in der Dynamik ca. 1-2 Wochen gegenüber der Gesamtschweiz voraus.

Basierend auf den Daten aus der genetischen Charakterisierung können wir weiter die Veränderung der absoluten Fallzahlen, welche von B.1.1.7 verursacht werden, abschätzen. Seit Anfang Januar ist diese absolute Zahl kontinuierlich gestiegen während die anderen Varianten abgenommen haben15. Die Gesamtzahlen haben bis Mitte Februar abgenommen. Inzwischen ist B.1.1.7 dominant und die Gesamtzahlen steigen wieder.

Alle unsere Modellierungen deuten darauf hin, dass die momentane Anzahl von Personen mit Immunität aufgrund von Impfung oder durchgemachter Infektion über die nächsten Wochen noch deutlich zu tief sein wird um diesen steigenden Trend zu bremsen. Man erwartet zudem, dass jegliche Zunahme von Kontakten oder Mobilität zu einer weiteren Zunahme der Ansteckungen führen würde.

Hinweise:

[1] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.

[2] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.

[3] https://ibz-shiny.ethz.ch/covidDashboard/ , Dashboard Time Series

[4] https://ibz-shiny.ethz.ch/covidDashboard/trends: Aufgrund von Melderverzögerungen werden die letzten 3 respektive 5 Tage für bestätigte Fälle und Hospitalisationen/Todesfälle nicht berücksichtigt.

[5] https://icumonitoring.ch

[6] https://www.covid19.admin.ch

[7] https://www.covid19.admin.ch

[8] https://github.com/openZH/covid_19 und https://github.com/daenuprobst/covid19-cases-switzerland

[9] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/gesundheitszustand/sterblichkeit-todesursachen.html

[10] https://sciencetaskforce.ch/wissenschaftliches-update-09-februar-2021/

[11] https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.03.05.21252520v1?rss=1

[12] https://ispmbern.github.io/covid-19/variants/

[13] https://cevo-public.github.io/Quantification-of-the-spread-of-a-SARS-CoV-2-variant/

[14] https://ispmbern.github.io/covid-19/variants/

[15] https://cevo-public.github.io/Quantification-of-the-spread-of-a-SARS-CoV-2-variant/