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Statement Prof. Alain di Gallo, Experte für Psychische Gesundheit, am Point de presse, 4. Januar 2022.

Sehr geehrte Damen und Herren, Mesdames et Messieurs

Die SARS-CoV-2 Delta-Variante hat bereits im Herbst einen massiven Anstieg der Infektionen in den jüngsten Altersgruppen verursacht. Nun verbreitet sich die noch stärker übertragbare Omikron-Variante in der Bevölkerung. Als die am wenigsten oder noch gar nicht geimpfte Gruppe werden Kinder stark von der Omikron-Welle betroffen sein. (In den USA hat der 7-Tage-Durchschnitt der täglichen Hospitalisationen vom 21. bis zum 27. Dezember um 58% auf 334 zugenommen. Dies im Vergleich zu einer Zunahme von 19% über alle Altersgruppen betrachtet.)

Mit dem gestrigen Ende der Schulferien in vielen Kantonen rücken jetzt wichtige Fragen über Massnahmen an Schulen in den Vordergrund.

Das wichtigste Ziel aus emotionaler, erzieherischer und sozialer Sicht ist die Offenhaltung der Schulen und die Vermeidung von Unterbrüchen der Bildung und des Lebensalltags. 

Ausserdem sollen Kinder, die die Impfung wünschen oder deren Eltern sie impfen lassen wollen, die Chance haben, zwei Dosen zu erhalten, bevor sie mit dem Virus in Kontakt kommen. Deshalb sind sich Fachpersonen aus Epidemiologie, Pädiatrie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie einig, dass in den Schulen Massnahmen getroffen werden müssen, um die Viruszirkulation zu begrenzen und Schulschliessungen zu vermeiden. Fünf Schwerpunkte gibt es dabei zu beachten: Luftqualität, Testen, Umgang mit symptomatischen Kindern, Masken und Impfung.   

Luftqualität

Eine angemessene Belüftung gilt als wichtiger Faktor zur Verhinderung von SARS-CoV-2 Übertragungen, weil dadurch die Konzentration von Aerosolen in der Luft verdünnt und somit die Virenmenge in der Luft reduziert wird. Die konsequente Belüftung von Klassenzimmern und anderen Innenräumen in Schulen ist besonders bei Aktivitäten mit hoher Aerosol-Emission wie lautes Sprechen, Singen, Lachen und Turnen wichtig. Alles Aktivitäten, die ihm Schulalltag Platz haben müssen.

Belüftung kann durch mechanischen Luftaustausch erfolgen, oder auch durch das regelmässige Öffnen der Fenster. Die natürliche Belüftung ist keineswegs weniger wirksam – solange sie konsequent durchgeführt wird.

CO2-Monitore sind ein einfaches und kostengünstiges Hilfsmittel, um eine gute Raumluftqualität sicherzustellen. Sind diese Monitore im Einsatz, wird die Lüftung nicht vom subjektiven Empfinden, sondern von objektiven Luftqualitätsindikatoren bestimmt. CO2-Monitore sind kein direkter Schutz gegen Ansteckung. Sie liefern Hinweise zur Konzentration von Aerosolen, aber nicht zum Übertragungsrisiko.  

Testen:

Regelmässige und wiederholte Tests in Schulen können dank frühzeitiger Erkennung einer SARS-CoV-2-Infektion bei asymptomatischen oder leicht symptomatischen Kindern Übertragungsketten unterbrechen. Somit können sie die Gesamtzahl der COVID-19-Fälle in einer Klasse oder Schule verringern.  Um wirksam zu sein, sollten Tests jedoch regelmässig und so häufig wie möglich durchgeführt werden (mindestens 1-2 Mal pro Woche) und die Tests sollten alle Kinder einbeziehen. 

Umgang mit symptomatischen Kindern:

Wie lange sollen Kinder mit Covid-Symptomen von der Schule fernbleiben und mit welcher Methode sollten sie getestet werden?

Dieses Vorgehen hängt in der Schweiz aktuell vom Alter ab: Kinder über 6 Jahren sollten laut BAG Richtlinie bei jedem Symptom, das bei COVID-19 auftreten kann, getestet werden, unabhängig von einem Kontakt mit infizierten Personen, dem Allgemeinzustand, der Anzahl, Art und Dauer der Symptome.

Für Kinder unter 6 Jahren wird ein Test nur in den folgenden Situationen und nach ärztlicher Beurteilung empfohlen:

1) bei Fieber oder starkem Husten, verbunden mit einer Veränderung des Allgemeinbefindens oder anderen COVID-19 Symptomen;

2) bei Symptomen und einem bestätigten COVID-19 Kontakt.

Die Unterscheidung nach Alter wird gemacht, um Kleinkinder nicht unnötig zu belasten und aus Rücksicht auf das Betreuungsumfeld.  

In der gegenwärtigen Zeit der hohen Virus-Verbreitung ist es zudem sehr wichtig, dass symptomatische Kinder zu Hause bleiben. Doch auch das längere Zuhausebleiben kann für Kinder und Bezugspersonen eine Belastung darstellen. Deshalb wäre ein breiterer Zugang zu den sensitiven PCR-Tests (mit Bevorzugung der angenehmeren Speichel-Tests) erstrebenswert. So wäre ein verlässlicher Befund gewährleistet und symptomatische Kinder könnten früher in die Schule zurückkehren. 

Masken:

Gute Luftqualität im Schulzimmer bietet keinen absoluten Schutz vor Ansteckung. Das Lüften reduziert die Aerosolbelastung, verhindert aber nicht die Übertragung durch Tröpfchen. Wichtig ist die Kombination aller effizienter Massnahmen. Dazu gehören Schutzmasken. Besonders in Zeitperioden mit hoher Viruszirkulation ist das Tragen von Masken in den Schulen auch in gut belüfteten Innenräumen wichtig und sinnvoll. 

Impfung für Kinder:

mRNA-Impfstoffe haben sich bei Kindern im Alter von 5 bis 11 Jahren und bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren als sicher und sehr wirksam erwiesen. Kinder der Altersgruppe 5-11-jährig, sollen in der Schweiz bereits ab jetzt, in der ersten Januarwoche 2022, die Impfung erhalten können. Die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) empfiehlt eine universale Impfung der 12-17-Jährigen. Seit dem 14. Dezember 2021 empfiehlt die EKIF ebenfalls die Impfung der 5-11-Jährigen, die und deren Eltern dies wünschen, insbesondere derjenigen Kinder mit chronischen Krankheiten oder mit Kontakten zu Personen, die für eine schwere Covid-Erkrankung gefährdetet sind.

Die Entscheidung, ein Kind oder einen Jugendlichen zu impfen, sollte in erster Linie auf der Grundlage des individuellen Nutzens für das Kind oder die Jugendliche getroffen werden. Was spricht dafür, auch gesunde Kinder ohne Kontakt zu gefährdeten Personen zu impfen?

Neben der Vermeidung der Unterbrüche an Schulen und der damit verbundenen psychischen und sozialen Belastung dürfte der Impfstoff auch bei Omikron die pädiatrischen Komplikationen von COVID-19 verringern. Da die Impfung nachweislich das seltene multisystemische Entzündungssyndrom (MIS-C) bei 12- bis 18-Jährigen verhindert, kann man den gleichen Nutzen bei geimpften 5-11-Jährigen erwarten, der Altersgruppe mit der höchsten MIS-C-Inzidenz. Ein weiterer erwarteter Vorteil der Impfung dürfte die reduzierte Wahrscheinlichkeit von Long COVID sein.

Damit jüngere Kindern den gleichen Zugang zum Schutz vor COVID-19 haben, wie alle anderen Bevölkerungsgruppen, ist es wichtig, die Impfmöglichkeit für sie breit und schnell einzuführen. Für den Teil der Bevölkerung, der bereit ist, seine Kinder impfen zu lassen und für die Kinder, die das wollen, gilt: Je schneller die Kinder geimpft werden, desto schneller wird dies dazu beitragen, die Viruszirkulation unter den Kindern und die daraus resultierenden Krankheitsfälle und Störungen ihres Alltags zu begrenzen.