19. November 2020

 – Policy Brief

Mögliche Langzeitfolgen einer Sars-Cov-2-Infektion

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Zusammenfassung

Abzuschätzen, wie viele der schwer an Covid-19 Erkrankten an Spätfolgen leiden werden, ist derzeit nicht möglich. Ein signifikanter Teil davon könnte jedoch betroffen sein. Den möglichen Auswirkungen von Folgeschäden auf die öffentliche Gesundheit muss die nötige Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wir empfehlen die systematische Nachkontrolle von Covid-19-Patienten, auch mit mildem Verlauf, durch prospektive Beobachtungsstudien oder ein Register.

Haupttext

Bis zu 61% aller schwer an Covid-19 erkrankten Patienten berichten rund einen Monat nach Spitalaustritt, dass ihr Gesundheitszustand und ihre Lebensqualität noch immer bedeutend eingeschränkt seien. Zu den typischen Beschwerden gehören eine Atemnot sowie eine übermässige Erschöpfbarkeit. Allerdings entsprechen Defizite nach der Entlassung aus dem Spital bei den meisten Erkrankungen den Erwartungen und sind, knapp einen Monat nach Spitalaustritt, nicht mit Langzeitfolgen gleichzusetzen. Studienresultate deuten darauf hin, dass ihr Anteil nach 3 Monaten bereits wesentlich kleiner ist. 

Die möglichen Langzeitfolgen sind bisher wenig dokumentiert, da zur Covid-19-Epidemie noch keine Langzeitdaten vorliegen. Es gibt aktuell aber klare Belege darauf, dass die Auswirkungen auf Herz und Lunge sowie auf das Gehirn länger andauern, als die akute Infektionskrankheit selber. Auch bei ambulant behandelten Patienten mit mildem Krankheitsverlauf und wenig bis gar keinen Symptomen ist der Genesungsprozess, zumindest in der subjektiven Empfindung, nach einem Monat häufig noch nicht abgeschlossen. 

Dass durch Coronaviren hervorgerufene Erkrankungen Spätfolgen haben können, ist bekannt. So litten Überlebende der SARS-1- und der MERS-Epidemie ein Jahr nach Ablauf der Krankheit noch immer unter deutlichen Einschränkungen ihrer Lungenfunktion (zwischen 11-45 %) und klagten über eine eingeschränkte Lebensqualität. Zumindest ein Teil dieser Veränderungen scheint – gerade bei sehr schweren Krankheitsverläufen – irreversibel zu sein. 

Schwere Covid-19-Verläufe können mit einem akuten Atemnotsyndrom einhergehen. Betroffene müssen in der Regel über mehrere Tage, mitunter Wochen, mechanisch beatmet werden. Studien zu Patienten mit nicht Covid-19 bedingtem akuten Atemnotsyndrom weisen ebenfalls darauf hin, dass ein signifikanter Teil mit schweren Verläufen über Jahre mit körperlichen und kognitiven Einschränkungen zu rechnen hat. Ein Jahr nach akutem Atemnotsyndrom unterschiedlichen Ursprungs konnten erst 48%, 5 Jahre später 77% der Betroffenen im Alltag wieder normal funktionieren. Langzeitfolgen nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation aus diversen Gründen sind ebenfalls gut dokumentiert und auch bei Covid-19-Patienten zu erwarten. 

Ob die beschriebenen Veränderungen und Funktionseinbussen nach einer Covid-19-Erkrankung über längere Zeit ausheilen oder permanent sind und wie häufig sie auftreten, ist zurzeit nicht klar, sie hängen aber prinzipiell mit dem Schweregrad der Krankheit und Begleitkrankheiten zusammen. Offen bleibt auch, wie stark Langzeitfolgen mit diesen Faktoren zusammenhängen, welche Rolle psychosoziale Faktoren spielen und welche Therapieoptionen es zur Behandlung von Langzeitfolgen gibt. Viele dieser Fragen werden erst im Verlauf der nächsten Monate und Jahre beantwortet werden können.

Wir empfehlen eine systematische Nachkontrolle von Covid-19-Patienten – inklusive nicht schwer erkrankter ambulant behandelter Patienten – über einen längeren Zeitraum. Dies könnte z.B. in Form von prospektiven Beobachtungsstudien oder eines Registers erfolgen. Dabei ist sorgfältig abzuklären, welche Patientenpopulationen (auf freiwilliger Basis) einbezogen werden, um eine Verzerrung der Resultate zu vermeiden. Wesentlich ist zudem, auch in der ambulanten medizinischen Versorgung tätige Kinder- und Hausärzte in die Langzeitnachbetreuung miteinzubeziehen.

Date of response: 19/11/2020

Comment on planned updates: Update planned as soon as an important body of new evidence becomes available.

Expert groups and individuals involved:  Aurélien Martinez, Nina Khanna Gremmelmaier, Manuel Battegay on behalf of the Clinical Care Group 

Contact persons: Manuel Battegay